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Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden


"Wie machen Sie das bloß, dass am Ende eines Graphic Recordings immer die relevanten und wesentlichen Dinge auf dem Bild festgehalten sind?"

Das werde ich sehr häufig gefragt. Und ganze ehrlich: ich weiß es auch nicht. Klar, gibt es viele Tricks und Tools, aus denen ich mich bediene und meinen wichtigsten Trick teile ich hier auch gerne am Ende des Beitrages. Aber am Ende eines langen Tages an der Wand oder vor dem iPad frage ich mich auch immer wieder, wie das funktioniert hat. 

Ich nenne das, was wir Graphic Recorder dazu brauchen, alles Wichtige festhalten zu können, den "inneren Filter".

Am Anfang meiner Recorder-Karriere vor 16 Jahren habe ich einen riesigen Aufwand betrieben. Ich habe versucht, alles auf das Bild zu bekommen, was geht. Ich habe ständig ein neues Papier aufgezogen und meine Stifte nachgefüllt. Die vielen Jahre der Graphic Recorder Praxis haben mir allerdings gezeigt, dass wieder mal weniger mehr ist. Je fokussierter die wesentlich wichtigen Dinge auf das Papier kommen und je weniger von dem »Gerede zwischendurch«, desto hilfreicher ist es für die Gruppe.


Ich bin ja nicht nur Graphic Recorderin, sondern auch Yoga- und Meditationslehrerin. Und aus diesem Bereich kommen meine Werkzeuge, wie ich fokussierter und klarer arbeiten kann. Vielleicht hat ja jemand Lust, das auszuprobieren und festzustellen, dass das tatsächlich funktioniert. Ich füge eine Anleitung hier unten in den Blog ein. 


Meine Kunden freut es. Denn so haben Sie immer wieder die Gelegenheit die Essenz des Gesagten in die Gegenwart zu holen. Zum Beispiel nach einer Diskussionsrunde, die gerade zu Ende ging und alle mit einem Blick auf das Graphic Recording diese Runde noch mal rekapitulieren lassen können. Gerne sage ich an dieser Stelle: "Fehlt aus Ihrer Sicht noch was?" oder "Ist jetzt etwas nicht mehr stimmig?".

So ein Graphic Recording, welches eine Diskussion oder einen Workshop begleitet, hat nicht den Anspruch darauf, ein fertiges und hübsches Bild zu sein (wobei es das trotzdem sehr oft ist). Dieses Bild soll lediglich immer wieder den Auftakt geben für ein neues Gespräch. 

Natürlich kann man auch nach zwei Wochen, zwei Monaten oder zwei Jahren noch mal auf die Essenzen dieser Runde schauen mit der Frage "Was haben wir davon umgesetzt?" oder "Was haben wir aus den Augen verloren?"

Anders verhält es sich im Kontext einer Konferenz. Auch hier ist es für den Graphic Recorder elementar Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können. Aber selten, um diese Punkte für ein weitere Gespräche festzuhalten, sondern für eine bleibende Erinnerung an den Tag und die Rede. Hier ist es eher der Zeit und den Ermüdungserscheinungen des eigenen Armes geschuldet, dass man nicht alles festhält. Aber dafür hat man ja auch häufig die PPP der Redner. Diese schaut sich am Ende der Veranstaltung eh kaum jemand an, aber das Graphic Recording, mit den wesentlichen, reduzierten Inhalten; das schon.



Ein schönes Beispiel finde ich dafür das Elefanten-Gleichnis: Fünf Männer mit verbundenen Augen untersuchen einen Elefanten, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder untersucht einen anderen Körperteil. Dann vergleichen sie ihre Erfahrungen untereinander. Ein gutes Graphic Recording sollte die einzelnen Elemente zu einem ganzen Elefanten zusammensetzen, sowohl im Change-Prozess als auch in allen anderen Kontexten. Graphic Recording hilf also den ganzen Elefanten zu sehen. Ohne dass dort alles steht wie beispielsweise "Peter sagte anfänglich, dass es eine Säule sein könnte. Aber etwas rauer als eine Säule. Eine Säule mit einer rauen Haut. Peter kommt dann auf die Idee, dass es vielleicht ein Baum sein kann" oder so ähnlich. Die Idee dahinter ist klar oder? Der Recorder schreibt also einfach auf "Es ist wie ein großer Baum".

Alle Meinungen der Gruppe finden Ihren Raum auf dem Papier und alle Einzelmeinungen ergeben am Ende das ganze Bild.



Zuhören können und damit die Kernaussagen herausfiltern ist also das A und O eines gelungenen Graphic Recordings. Was nützen die schönsten Illustrationen auf dem Bild, wenn die Teilnehmenden nicht sofort erkennen können, worum es ging und welche wichtigen Inhalte genannt worden sind? Diese herauszuhören und dann strukturiert und verständlich auf das Papier oder iPad zu bringen, ist die Kunst des Graphic Recordings.

 

Und dann gibt es natürlich immer noch die ganzen unvorhergesehenen Situationen. Wenn die Agenda spontan verändert wird, ein Speaker im Stau steht, die Diskussionsrunde eine andere Wendung nimmt als erwartet. 

Dann heißt es für uns Graphic Recorder immer nur: klar und wach bleiben, umdenken und weiter filtern, filtern filtern. 

 

Wichtiges von Unwichtigem trennen. 


Vielleicht ist es dem ein oder anderen schon aufgefallen, die Inhalte aus diesem Blogbeitrag sind in Teilen meinem Buch entnommen. Im Buch selber gehe ich noch vertiefender auf diese Themen ein. Sowohl, wie man sich als Graphic Recorder vorbereiten kann, als auch, wie man dieses Können als Kunde gut und zielführend für seinen Prozess einsetzten kann. 


Und zum Schluss verrate ich noch meinen Trick für mehr Fokussierung:


Sitze mit aufrechter Wirbelsäule in einem Raum, wo Du 15 Minuten ungestört bist. Schließe Die Augen und führe Deine Arme im rechten Winkel zu beiden Seiten. Atme 10 mal tief ein und wieder aus. Während dieser Atemzüge führst Du die Arme langsam vor das Gesicht bis die Hände zueinander schauen und etwa kopfbreit voneinander entfernt sind. Dann atme auch hier 10 mal tief ein und aus. Danach lässt Du die linke Hand sinken und in der nächsten Ausatmung senkst Du dann die rechte Hand zum Brustbein, bis Dein Daumen dieses berührt. Einatmend führst Du die Hand zur Mitte der Stirn, bis auch hier der Daumen die Stirn berührt. Wiederhole das wieder 10 mal. Danach sitze noch in Stille 5-10 Minuten und beobachte einfach nur Deinen Atem. 

Fertig. Bähm. Wach. 


Dass Medi­ta­tion kon­zen­trier­ter macht, hat sogar schon die Hirn­for­schung bewie­sen. Wis­sen­schaft­ler konn­ten nach­wei­sen, dass zum Bei­spiel der Hip­po­cam­pus durch regel­mä­ßige Medi­ta­tion wächst. Der Hip­po­cam­pus ist ein Hirn­areal, das für Gedächt­nis und Lern­pro­zesse zustän­dig ist. Ohne den Hip­po­cam­pus könn­ten wir keine neuen Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten und spei­chern. Wer seine Acht­sam­keit trai­niert, kann also nach­weis­lich auch seine Gedächt­nis­leis­tung ver­bes­sern, schnel­ler neue Infor­ma­tio­nen auf­neh­men und Stress redu­zie­ren — die wich­tigs­ten Fak­to­ren für kon­zen­trier­tes Arbei­ten.


Vielen Dank, dass Sie so weit gelesen haben. Ich freue mich sehr über Ihr Interesse. Für Fragen, Ideen, Anmerkungen oder auch eine Rückmeldung, ob die Fokussierung-Methode auch bei Ihnen funktioniert hat, freue mich mich sehr. Bleiben Sie gesund, Ihre

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