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Wie macht man eigentlich ein Graphic Recording?

Graphic Recording bei Fielmann / ©Fielmann AG
Graphic Recording bei Fielmann / ©Fielmann AG

"Wie machen Sie das bloß, dass Sie immer alles Wesentliche auf's Papier bringen" Diese oder ähnliche Fragen werden mir relativ häufig gestellt, nachdem ich einen ganzen Tag live mitgezeichnet habe, was andere gesprochen haben. Und ganz ehrlich: ich weiß es auch nicht. Ich bin am Ende des Tages manchmal selber überrascht, was ich alles auf das Papier (oder auch auf das iPad) gebracht habe. Manchmal sind die Themen so spezifisch, dass ich auch mit der besten Vorbereitung morgens Schiss habe, dass das Blatt dieses Mal wirklich weiß bleiben wird. (Beispielsweise hatte ich dieses Gefühl neulich, als sich einen ganzen Tag alles um die technischen Erneuerungen im Bergbau drehte. Und das auch noch auf englisch). Aber es funktioniert immer. Ich habe noch nie ein weißes Blatt abgegeben und ich hatte auch noch keinen einzigen unzufriedenen Kunden. In den ganzen 16 Jahren nicht, in denen ich jetzt schon live mitzeichne. 


Ein paar Gedanken habe ich mir natürlich schon dazu gemacht, warum es jedes Mal klappt. Aber am Ende ist es wahrscheinlich ein Mix aus vielen Dingen und vor allem Erfahrung. Hier ein paar Versuche der Erklärung: 


Die innere Haltung: Ein Graphic Recorder hat vor allem die Aufgabe zuzuhören. Und zwar mit beiden Ohren und während der ganzen Zeit. Für mich fühlt sich die Arbeitsdauer so an, als hätte ich absolut keine eigene Persönlichkeit. Ich stelle mich für diesen Zeitraum komplett und mit all meinen Sein in den Dienst der Gruppe. Ich habe keine Bedürfnisse mehr (alle menschlichen Bedürfnisse habe ich vorher erledigt), ich habe keine eigenen Vorstellungen von dem, wie es sein sollte und meine Ideen für Lösungsansätze sind zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr vorhanden. Ich diene jetzt nur noch. Zumindest ist das mein angestrebtes Ziel. Es kommt vor, dass ich das Thema, um das es geht, nicht aushalten kann und ich alles, wofür dieser Auftrag steht, mit meiner persönlichen ethischen oder moralischen Messskala nicht vereinbaren kann. Es kommt durchaus vor, dass ich emotional mit dem zur Diskussion stehenden Thema zu stark persönlich verwickelt bin. Dann lehne ich solche Aufträge ab. Mein Tipp ist es, sich vorab genau zu überlegen, ob man der richtige Mann oder die richtige Frau für diesen Job ist.


Es ist die Aufgabe eines Graphic Recorders, die Arbeit in der Gruppe einfacher zu gestalten, indem man Inhalte sichtbar macht. Nicht immer hat die Gruppe das gleiche Verständnis von den Dingen. Bilder und geschriebener Text helfen dabei, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Was der Gruppe in diesem Moment sicherlich nicht hilft, ist meine eigene Meinung zu diesem Thema. Zumal man, wenn man mit Zuhören und Schreiben/Zeichnen beschäftigt ist, gar keine Zeit zum Reden hat. 

 

In einem Workshop ist es eine der wichtigsten Aufgaben, jede Stimme im Raum zu hören und diese dann auch sichtbar werden zu lassen. Nur so kann ein gemeinsames Erkennen und Verstehen entstehen und gefördert werden. Von diesem Standpunkt aus kann sich die Gruppe dann weiterentwickeln und gemeinsam nach neuen Lösungen suchen. 

Wohlwollend und positiv auf die Menschen und Situationen zu blicken, auch wenn sie nicht meine Meinung vertreten, ist auf jeden Fall eine sehr nützliche Eigenschaft in diesem Moment. Denn als Grundannahme gilt: Das Wissen ist schon da und vielleicht wird das, was am Ende des Tages rauskommt, hundert Mal besser sein als deine eigenen Gedanken, die ich am Morgen noch dazu hatte.


Nicht denken:  Es gibt zwei Arten des Graphic Recordings. Entweder ist man in der Situation, wo man in den Prozess eingebunden und im Austausch mit der Gruppe ist, oder man hat eine rein aufnehmende Tätigkeit. Zweiteres entsteht beispielsweise bei einem Vortrag, den man mitzeichnet, bei dem Zwischenfragen unpassend wären. In diesen Recordings geht der Weg von den Ohren direkt in die Hand, ohne den Umweg über das Gehirn.

 

Alle strategischen Gedanken, wie zum Beispiel das Blatt aufgeteilt wird, sollten vorher entstehen. Anders ist es zum Beispiel in Workshops oder Meetings, wo Zwischenfragen, Rücksprachen und Abstimmungen Raum und Zeit haben. Dann ist es häufig unerlässlich, dass ich mich zwischendurch prozessual und inhaltlich mit dem Kunden oder den Teilnehmern abstimme und in Resonanz gehe. Dann habe ich den Raum,mir zu überlegen, wie ich Wortbeiträge filtern möchte, wie ich diese zusammenfasse, strukturiere und sinnvoll platzieren möchte.

 

Dort, wo es um das schriftliche Festhalten von Wortbeiträgen in Echtzeit (beispielsweise während eines Vortrags) geht, bleibt dafür keine Zeit. Wenn ich anfangen würdest, mir zu überlegen, ob das Symbol jetzt an dieser Stelle richtig ist, habe ich bereits den Anschlusssatz verpasst. Egal, ob ich vor Ort arbeite oder remote. Meine persönliche Arbeitsweise ist es dann, nur zuzuhören und nicht zu denken. Ich werde sozusagen leer (das kann man übrigens lernen mithilfe der Meditation) und öffne mich für den »Flow«. 


Intuition: In bestimmten Situationen habe ich keine andere Chance, als mich auf meine gute Vorbereitung in Verbindung mit meiner Intuition zu verlassen. Dieses unterbewusste Wissen in das Bewusstsein zu holen und genau in der richtigen Sekunde abrufen zu können, ist oft der Schlüssel für den Erfolg eines Recordings. Denn in letzter Konsequenz ist Graphic Recording, auch mit der besten Vorbereitung, nicht planbar. Viel zu viele unvorhergesehene Änderungen in der Agenda, im Vortrag und besonders in den Äußerungen der Teilnehmer zwingen einen immer wieder dazu, alle Pläne von jetzt auf gleich über Bord zu schmeißen. Den Weg frei zu halten für deine unbewusste Intelligenz, ist essenziell.


Einfach machen: Nicht denken. Vom Ohr direkt in die Hand. So einfach ist das. Für Perfektionisten ist dieser Job nichts. Es gibt keine Löschen-Taste. Man kann (kaum) korrigieren. Zumindest dann nicht, wenn man auf Papier arbeitet. Aber auch auf dem iPad, wo im Nachgang eine Korrektur möglich ist, ist ein Graphic Recording meistens für sehr viele Teilnehmer sichtbar und die Zeit für Anpassungen ist während des Recordings nicht vorhanden. Also muss man es sich einfach machen und »einfach machen«. Also direkt umsetzen.

 

Man macht es damit auch den Teilnehmern verständlicher. Das zumindest ist das der Sinn eines Graphic Recordings. Das Bild soll es den Teilnehmern ermöglichen, sich an das Gesagte zu erinnern. Die Lösung liegt in der Einfachheit. Eine extrem gute Vorbereitung und auch eine jahrelange Erfahrung ist Voraussetzung, wenn man das unter Zeitdruck umsetzen können will.


...all das waren Gedanken, die meinem Buch "Graphic Recording. Das 1x1 der Live Visualisierung" entsprungen sind. Ich hatte die Anfangszeit der Pandemie gut genutzt, und die Auftragsflaute mit dem Schreiben dieses Buches gefüllt. Zu finden sind dort nicht nur die Gedanken, was es eigentlich braucht, um ein gutes Graphic Recording leisten zu können, sondern auch Gedanken zur Auftragsklärung oder Preisgestaltung. Und alles, was ein Kunde wissen möchte, um den bestmöglichsten Nutzen aus einem Auftrag rauszuziehen. Mehr dazu gibt es hier. 


Ich wünsche weiterhin viel Freude und vor allem auch Erfolg bei der Beauftragung eines Graphic Recordings. Für Fragen stehe ich immer und jederzeit gerne zur Verfügung. Denn nicht jeder muss Experte auf jedem Gebiet sein und dumme Fragen gibt es eh nicht.


Ihre


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